RADikal autofreie Städte

Stellen Sie sich vor Sie gehen nach draußen und atmen reine kühle Luft ein. Sie schließen die Augen und in der Nähe hören Sie Kinder spielen. Von weiter weg vernehmen Sie den Klang einer Fahrradklingel und neben Ihnen in der Hecke zwitschern zwei Meisen um die Wette. Und stellen Sie sich vor das wäre nicht irgendwo auf dem Land sondern mitten in Berlin. Können Sie sich das vorstellen?

So fern ab von jeglicher Vorstellung ist das Ganze gar nicht. Kommendes Jahr bekommt Oslo als erste Hauptstadt Europas ein autofreies Zentrum. Leisere, saubere und sichere Städte sind möglich und mit dem Verbannen des Autos wird das Stadtbild völlig neu entworfen.

Dass Straßen nicht nur für Autos da sein müssen zeigte beispielhaft die Aktion „Ende Gelände-Wagen“ in München, wo im September 200 Menschen als Akt des zivilen Ungehorsams die vier Spuren der Elisenstraße für über 4 Stunden besetzten. Statt Autos fuhren hier nur noch Fahrräder und statt Autolärm gab es ein kleines Straßenfest. Ähnliches geschah im September dieses Jahres in Potsdam durch Aktivist*innen der Gruppe potsdam autofrei!

(Foto: Christian Willner)

Rein von den Kosten betrachtet ist das Auto in der Stadt maximal privilegiert. In Berlin kostet der Bewohner*innen-Parkausweis 20,40 Euro für 2 Jahre. Ein Stellplatz hat eine Fläche von 11,5 qm.  Vergleicht man diese Zahlendem aktuellen Mietspiegel von Berlin und nimmt die allergünstigste Kategorie von 4,70 Euro pro Quadratmeter im Monat an, dann kosten 11, 5qm in zwei Jahren 1297,2 Euro, also das 64 fache. Bezahlbarer Wohnraum wird knapp und Freiräume in Städten sind immer seltener.

Wie könnte also ein Konzept für eine Stadt aussehen, die sich vom fossil-motorisierten Individualverkehr verabschiedet?

Wir sprachen darüber mit Mobilitätsforscher Weert Canzler. Er arbeitet als Mobilitätsforscher beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und ist Gastwissenschaftler beim Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ).

Sehr geehrter Herr Canzler, das Bild von Innenstädten ist vor allem durch die Anwesenheit von Autos geprägt. Wie könnte ein Konzept für die Zukunft aussehen, bei der Städte autofrei sind? Und welche Maßnahmen wären dafür nötig?

So ganz autofrei wird die Stadt auch künftig nicht sein, aber das private Auto hat ausgedient. Und zwar deshalb, weil die Alternativen die Bedeutung und den Raum haben, den sie brauchen. Da eröffnet die Digitalisierung viele neue Chancen. Der Öffentliche Verkehr wird flexibler, er kann mit Leihfahrzeugen aller Art einfach und damit routinemäßig kombiniert werden. In der privatautofreien Stadt ist außerdem genug Platz für’s Radfahren und Zufußgehen. Das hört sich derzeit noch utopisch an, doch gehen einige Städte voran. Viele Menschen in den Städten unterstützen das, sie sehen nicht ein, warum knapper öffentlicher Raum für private Stehzeuge verschwendet werden soll.

Wie könnte die Idee eines kostenfreien ÖPNV damit kombiniert werden?

Guter ÖPNV kostet. Das spricht gegen den Nulltarif. Wichtiger als ein Nulltarif ist es, dass das Autofahren – und vor allem auch das Nicht-Autofahren, das Parken – mehr kostet. Es kann nicht sein, dass das Abstellen eines privaten Autos auf öffentlichen Flächen nichts oder wie beim Bewohnerparken nur einen symbolischen Preis kostet. Die Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung und einer Straßenmaut sollten dann für Investitionen in einen attraktiven Öffentlichen Verkehr – und teilweise auch für attraktive Tarife – genutzt werden.

Ist das Elektroauto eine Lösung für die Verkehrswende oder lenkt es vielleicht sogar von den wirklich dringlichen politischen und planerischen Erfordernissen ab?

Im Vergleich zum Verbrenner ist das Elektroauto viel energieeffizienter. Mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien wird es zudem laufend sauberer und wird ab einem EE-Anteil von mehr als 50 Prozent auch noch zu einer ernst zunehmenden Flexibilitätsoption. Das spricht zunächst einmal für die Elektrifizierung. Aber es ist unsinnig, einfach alle privaten Pkw eins zu eins auszutauschen. Dann wäre weder der Stau beseitigt noch die Verschwendung öffentlichen Raumes. Ganz zu schweigen vom enormen Ressourcenverbrauch. Elektroautos lassen sich aber ebenso wie E-Scooter und Pedelecs gut als Sharingangebote nutzen.

Wie könnte die autofreie Stadt konkret aussehen: Was würde das bedeuten für Menschen die durch ihre Gesundheit oder Alter eingeschränkt sind, für Warentransport allgemein, für Handwerker*innen oder für Pendler*innen?

Schon heute arbeiten Start-ups wie Streetscooter oder Sono Motors an neuen E-Fahrzeugen, die genau für diese Zielgruppen interessant sind. Fahrzeuge jenseits der klassischen Rennreiselimousine, die wenig Platz brauchen und in Smart Grids integriert werden, werden von Mobilitätseingeschränkten in der Stadt genutzt werden können, mittelfristig auch als (teil-)autonome Vehikel. Handwerker*innen können aus einer wachsenden Zahl verschiedener E-cargo-bikes auswählen, erste Standardisierungen auch für Kleincontainer werden von Start-ups wie Ono vorangetrieben.

Welche Vorteile für die Menschen würde eine autofreie Stadt mit sich bringen?
In diesem post-Privatautoszenario gibt es viel mehr Platz für alle möglichen urbanen Aktivitäten. Der wird in der dichten Stadt auch dringend benötigt, je mehr freie Flächen eine Stadt hat, desto höher ist die Lebensqualität. Deshalb setzen viele große Städte wie London, Paris, Madrid oder Helsinki darauf, die Autos aus der Stadt zu drängen und gleichzeitig das Rad und auch neue intermodale Mobilitätsdienstleistungen zu fördern. Unsere These ist, ist die neue Lebensqualität erst erlebbar, steigt die Unterstützung bei den Stadtbewohner*innen massiv an. Die neue Aufenthaltsqualität will dann niemand mehr missen.

Letztlich geht es genau darum uns zu überlegen wie die Stadt der Zukunft aussehen soll. Verschiedenste Initiativen wie beispielsweise Solidarische Städte widmen sich diesem Thema mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Idee einer autofreien Stadt setzt einen Fokus auf die Klimaproblematik. Weitere Schwerpunkte sind Gesundheit, Sicherheit und damit Lebensqualität. Platz ist in Städten zumeist Mangelware und öffentlicher Raum ist mehr als Fläche für Autos, es ist ein Ort der Begegnung. Wenn diese Begegnungen wieder mehr ermöglicht werden, dann könnte das auch sozial-kulturelle Freiräume fördern und Vernetzung schaffen zwischen den Menschen die in der Stadt leben.

Haben Sie noch das Bild einer leisen, sauberen und sicheren Stadt vor Ihrem inneren Auge? Wenn Sie es sich vorstellen können, dann ist es auch umsetzbar.

Feindliche Übernahme – Greenpeace Energy möchte Braunkohletagebau kaufen

(Bild: Bagger im Braunkohletagebau im Gebiet Garzweiler; Foto: copyright (c) Bernd Lauter/Greenpeace)

Greenpeace Energy hat RWE angeboten, die Braunkohle-Tagebaue und -Kraftwerke des RWE-Konzerns im Rheinischen Revier ab 2020 stufenweise zu übernehmen und diese bis 2025 stillzulegen. Im Gegenzug sollen auf den freiwerdenden Flächen Windkraft- und Photovoltaikanlagen entstehen – ein kluger Schachzug, zur richtigen Zeit.

Hintergrund

Erst im Juni dieses Jahres gab die Bundesregierung bekannt, Deutschland werde seine Klimaziele 2020 nicht erreichen, also die Senkung des CO2-Ausstoß um 40% gemessen an 1990. Gerade mal 32% könnten derzeit erzielt werden. Begründet wird diese Verfehlung mit höherem Bevölkerungswachstum, einer stärkeren Konjunktur und den weiter steigenden Emissionen im Verkehrssektor.

Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (Fraunhofer IEE) im Auftrag von Greenpeace bescheinigt der Bundesregierung fehlenden politischen Willen. Zwar bezieht sich die Studie nur auf die Stromwirtschaft und lässt wichtige Sektoren wie Gebäudewärme, Industrie und Verkehr außen vor, dennoch liefern die Ergebnisse eine Steilvorlage für die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, kurz Kohlekommission. Laut dieser Studie sei das Erreichen des Klimaziels 2020 auch ohne Ausfälle und Netzengpässe problemlos möglich, wenn die ältesten Kohlekraftwerke abgeschaltet würden, andere ihre Leistung drosseln würden und die Wind- und Solarenergie weiter ausgebaut würde – so wie es im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist.

Eine breite Mehrheit in der Gesellschaft stützt die gesteckten Klimaziele und wünscht sich konsequenteres politisches Handeln. Laut einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag von Campact stimmten 74 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Bundesregierung so viele Kohlekraftwerke abschalten soll, dass das Klimaziel für 2020 noch erreicht werde. Auch bei den Auseinandersetzungen um die Räumung des Hambacher Waldes im rheinischen Braunkohlerevier sowie auf zahlreichen Antikohledemonstrationen und beeindruckenden Aktionen des zivilen Ungehorsams offenbart sich ein sehr breites und entschlossenes Bündnis der Zivilgesellschaft, welches sich für einen klimafreundlichen Umbau unseres Energie- und Wirtschaftssystems einsetzt.

(Bild: Der Massenprotest pausiert erstmal, doch die zivilgesellschaftliche Entschlossenheit für einen Wandel Richtung Nachhaltigkeit bleibt bestehen; Foto: copyright (c) Kristoffer Schwetje)

Leider hat die „Kohlekommission“ ihren Abschlussbericht auf Februar 2019 verschoben, so kann die Bundesregierung in Kattowitz in Sachen Kohleausstieg auch kein Ergebnis vorlegen. Aber vielleicht nimmt die internationale Staatengemeinschaft ja anerkennend zur Kenntnis, dass sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene in Deutschland doch einiges tut.

Braunkohletagebaue als grüne Entwicklungsräume – Ein radikaler Gegenentwurf

In diesem Zusammenhang stellt das aufsehenerregende „Bürgerenergie-Konzept“ von „Greenpeace Energy“ – einem KliB-Projektpartner – einen fast revolutionär anmutenden Plan dar. Die Energiegenossenschaft möchte alle Braunkohletagebaue und -kraftwerke von RWE im Rheinischen Revier in drei Stufen übernehmen und bis 2025 stilllegen. Zunächst sollen noch im Jahr 2020 der Tagebau Hambach sowie die sechs ältesten und am wenigsten effizienten Kraftwerksblöcke stillgelegt werden. In den folgenden zwei Jahren soll auch der Tagebau Inden und sechs weitere Kraftwerksblöcke abgeschaltet werden, um dann bis 2025 auch Garzweiler und die letzten drei Blöcke abzuwickeln. Unterfüttert mit einer Reihe wissenschaftlicher Studien beinhaltet das Konzept einen umfassenden Plan für einen grundlegenden Strukturwandel in der Region vor, in dem alle wichtigen Kernthemen und Konfliktlinien angesprochen werden.

Eine Betreibergenossenschaft soll die Umsetzung des Bürgerenergie-Konzepts sowie die Errichtung von Windkraft- und Photovoltaikanlagen auf allen ehemaligen Tagebauflächen koordinieren. Die Flächen für die Entwicklung der neuen Energielandschaften sollen von einer kommunalen Flächengesellschaft verwaltet und an die Betreibergenossenschaft verpachtet werden. In dieser Flächengesellschaft sind alle Grundeigentümer*innen organisiert. Eine Beschäftigungsgesellschaft soll die ehemaligen Mitarbeiter*innen unter Vertrag nehmen, die aus der RWE-Braunkohlesparte ausscheiden. Durch die Beschäftigungsgesellschaft werden die neu entstehenden Aufgaben für die umfassende Regionalentwicklung gebündelt und für einen sozial gerechten Ausgleich genossenschaftlich verwaltet. Dazu zählen die Renaturierung der Tagebauflächen, der Kraftwerksrückbau sowie die Weiterqualifizierung in der erneuerbaren Energiensparte und anderen Branchen, wie Zulieferung, Produktion und Verwaltung. Die Mittel für diese Beschäftigungsgesellschaft sollen aus einem öffentlichen Strukturfonds fließen, der auch durch die Kohlekommission vorgeschlagen wird. Dabei ist noch auszuhandeln, inwieweit sich RWE finanziell beteiligen muss.

Ausgehend von einem business-as-usual Szenarium wird die Stromerzeugung aus der rheinischen Braunkohle von 64 Terawattstunden in 2018 auf 15 Terawattstunden in 2032 sinken. Diese Menge entspricht der Menge, die das Konzept für 2030 an Zubau durch Windkraft und Photovoltaikanlagen veranschlagt – insgesamt also eine durchschnittliche jährliche Stromproduktion von 15,3 Terawattstunden. Dabei wird keine Vergütung gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz in Anspruch genommen, d. h. die Anlagen werden zusätzlich zu den im EEG vorgesehenen Ausbaumengen errichtet.

Das mit Abstand größte Erneuerbare-Energien-Projekt Europas soll nach Berechnungen von Greenpeace Energy insgesamt rund sieben Milliarden Euro kosten. Aufgrund der Skaleneffekte werden auch ohne Vergütung durch EEG-Prämien Renditen zwischen fünf und sieben Prozent erwartet. Eine Studie des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) kommt zu dem Schluss, dass die genannte Konzeption große regionalökonomische Effekte haben würde, wenn sich ansässige Unternehmen, Kommunen und Bürger*innen finanziell beteiligen könnten – so wie es im Konzept auch vorgesehen ist.

Wie wahrscheinlich eine Umsetzung dieser aufsehenerregenden Idee ist, hängt in hohem Maße von den politischen Rahmenbedingungen ab. Wenn die Kohlekommission im Januar nächsten Jahres ein deutliches Signal setzt, wird auch das Angebot für RWE attraktiver. Als Kaufpreis für das Entwicklungsgebiet veranschlagt Greenpeace Energy rund 384 Millionen Euro – so viel wie laut Analysten an Gewinnen mit den Kraftwerken noch am Strommarkt erzielt werden könne. Andere Expert*innen gehen davon aus, der Preis sei zu niedrig angesetzt, weil der Strompreis mit dem Ende der Atomkraft in Deutschland in den kommenden Jahren nochmal steigen werde. Geht man allerdings davon aus, dass mit zunehmender Kritik an der deutschen Klimapolitik auch immer mehr Stromkund*innen zu echtem Ökostrom wechseln – derzeit liegt die Zahl der Haushalte mit konventionellem Strommix noch bei 80 Prozent – könnte sich der Markt auch bei insgesamt steigenden Preisen deutlich anders entwickeln.

Berliner Stadtreinigung

Die BSR ist Deutschlands größtes Stadtreinigungsunternehmen. Klimaschutz gehört zum Selbstverständnis.

Berliner Stadtwerke

Die Berliner Stadtwerke erzeugen 100% erneuerbaren und preiswerten Strom direkt in und um Berlin.

Bio Company

Die BioCompany ist eine den Prinzipien der biologischen Landwirtschaft verpflichtete Kette von Bio-Fachgeschäften, die für Regionalität, Saisonalität und Fairness stehen.

BürgerEnergie Berlin eG

Die BürgerEnergie Berlin eG ist die größte Energiegenossenschaft Berlins und setzt sich für eine zukunftsfähige, nachhaltige und demokratische Energiezukunft in Berlin ein.

BUND Berlin

Der BUND Berlin kämpft für Umwelt- und Naturschutz, für mehr Lebensqualität und die Lebensgrundlagen nachfolgender Generationen. Als Dienstleistung bietet der BUND auch Energieberatungen an.

cambio

cambio bietet als CarSharing-Anbieter eine Alternative zum eigenen Pkw. Jedes cambio-Auto ersetzt bis zu elf private Pkw. Die Flotte besteht aus Fahrzeugen mit besonders niedrigem CO2-Ausstoß.

Climate Fair

Climate Fair bietet die Berechnung und Kompensation nicht vermeidbarer, klimarelevanter
Folgekosten an; dabei fließen die zur Kompensation bereitgestellten Mittel in den
Aufbau lokaler Bürgerfonds für Klimaschutz und Nachhaltige Entwicklung.

Energieheld

Die Energieheld GmbH zählt mit Informations-Plattform zu den führenden Anbietern von Informationen der energetischen Gebäudesanierung. Wir beraten Eigenheimbesitzer über Bau- und Fördermöglichkeiten und vermitteln den passenden Handwerker, sodass sich Energieheld auch als Partner des traditionellen Handwerks versteht.